Technischer Fortschritt im Dienste des Verbrechens: Ein Besuch bei Topf & Söhne
Technischer Fortschritt im Dienste des Verbrechens: Ein Besuch bei Topf & Söhne
Was hat ein normales Erfurter Familienunternehmen mit den Gräueltaten in Auschwitz zu tun? Dieser Frage gingen wir bei unserem Besuch am Erinnerungsort Topf & Söhne nach – einem Ort, an dem die „Banalität des Bösen“ greifbar wird.
Wer war Topf & Söhne?
Gegründet im Jahr 1878, war Topf & Söhne über Jahrzehnte ein stolzes Aushängeschild der Erfurter Industrie. Die Firma baute Heizungsanlagen, Brauereiequipment und Silos. Doch hinter der Fassade des erfolgreichen Mittelständlers verbirgt sich das dunkelste Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Ingenieure der Vernichtung
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Unternehmen zum wichtigsten Partner der SS. Es waren keine Soldaten, die die Öfen in den Konzentrationslagern entwarfen, sondern zivile Ingenieure.
- Effizienz des Todes: Die Firma lieferte die Krematoriumsöfen nach Buchenwald, Dachau und Auschwitz. Die Ingenieure arbeiteten aktiv daran, die Verbrennung von Leichen „effizienter“ zu gestalten.
- Die Belüftung der Gaskammern: Topf & Söhne installierte auch die Be- und Entlüftungsanlagen für die Gaskammern in Auschwitz-Birkenau. Damit machten sie den industriellen Massenmord technisch erst möglich.
Workshop: Die Zerstörung der Erfurter Familie Pressler
Ein besonders bewegender Teil unseres Besuchs war der Workshop, der sich mit dem Schicksal der jüdischen Familie Pressler direkt hier aus Erfurt befasste. Während die Firma Topf & Söhne nur wenige Kilometer entfernt an Mordwerkzeugen tüftelte, wurde das Leben dieser Familie systematisch vernichtet.
Im Zentrum stand Miriams Tagebuch als Zeitdokument. Durch ihre Aufzeichnungen erhielten wir einen erschütternden Einblick in den Prozess der Ausgrenzung:
- Vom Alltag zur Verfolgung: Miriam Pressler hielt fest, wie sich das Netz für ihre Familie in Erfurt immer enger zog – vom Verlust des Geschäfts über die soziale Isolation bis hin zur ständigen Angst vor der Deportation.
- Das Tagebuch als Stimme: Miriams Texte sind weit mehr als private Notizen; sie sind ein Beweisstück für die systematische Zerstörung jüdischen Lebens in unserer Stadt. Sie geben der anonymen Opferzahl ein Gesicht und eine Stimme.
- Der Kontrast vor Ort: Es war ein beklemmendes Gefühl, im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Täter zu sitzen und gleichzeitig Miriams Berichte über das Leid ihrer Familie zu lesen. Es macht deutlich: Die Täter waren Nachbarn, und die Opfer waren Nachbarn.
Warum uns das heute angeht
Die Geschichte von Topf & Söhne und das Schicksal der Familie Pressler sind nicht nur ein Rückblick in die Vergangenheit. Sie stellen uns allen eine wichtige Frage für die Zukunft:
„Habe ich den Mut, Nein zu sagen, wenn meine Arbeit oder mein Wissen für Menschenverachtendes missbraucht wird?“
Der Besuch zeigt uns, dass Ethik und Verantwortung untrennbar mit Beruf und Wissenschaft verbunden sein müssen. Technik ist niemals neutral – es kommt immer darauf an, wofür man sie einsetzt.
Dieser Artikel wurde im Rahmen des Deutsch- und Geschichtsunterrichts der Klasse 8a des Ernestinums erstellt.
S. Finster
letzte Änderung: 01.12.2025
