Zwei Welten, eine Sprache: Wenn aus Fremden Freunde werden

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Eine Woche lang tauschten wir, einige Ernestiner der Klassen 10 und 11, mit Schülerinnen und Schülern aus Ancona unsere Alltagserfahrungen aus und schnupperten in die Kultur und das Leben der jeweils anderen hinein. Dieser Schüleraustausch war weit mehr als nur eine Reise. Durch ihn hatten wir die Gelegenheit, neue Freundschaften zu schließen, Vorurteile abzubauen und die Gemeinsamkeiten zwischen zwei anfangs unterschiedlichen Welten zu entdecken. Bereits im September 2025 waren die Schülerinnen und Schüler aus Ancona für eine Woche in Deutschland, nun folgte der Gegenbesuch.

 

Um 4 Uhr morgens machten wir uns auf die 15-stündige Reise nach Ancona. Diese begann mit einer besonderen literarischen Spurensuche, geführt durch Frau Mixaneks Ausführungen zu Goethes Werk. Auf den Pfaden von Johann Wolfgang von Goethe, dessen „Italienische Reise“ als Klassiker der Reiseliteratur gilt, erkundeten wir auf unserem Weg Stationen wie Bozen und den Gardasee. Diese kulturelle Einstimmung vereinte deutsch- und italienischsprachige Kultur auf einzigartige Weise und weckte die Neugier auf das, was noch kommen sollte. Auf unserem Weg stießen wir auf viele weitläufige Weinberge und Olivenplantagen.

In Ancona angekommen, stand das Kennenlernen in den Familien im Vordergrund. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten in der Kommunikation, geprägt von Sprachbarrieren und Unsicherheiten, entstanden erste Annäherungen. Dabei merkte man schnell, dass insbesondere die Eltern sich große Mühe gaben, Englisch zu sprechen, um uns in Gespräche einzubinden.

 

Im Laufe der Woche standen vielfältige Ausflüge und Workshops auf dem Programm, die uns Schülerinnen und Schülern nicht nur die Kultur, Geschichte und Lebensweise Italiens näherbrachten, sondern auch das gegenseitige Verständnis förderten. Ein besonderer Höhepunkt war der Ausflug nach Pesaro am Samstag. Dort besuchten wir das Sonosfera-Museum, wo wir in einem Workshop die Kunsttechniken der Renaissance kennenlernten. Unter Anleitung der Workshopleiterin lernten wir die Pounce-Methode kennen. Diese Technik gab uns Schülerinnen und Schülern einen faszinierenden Einblick in eine kreative und jahrhundertealte Methode des Übertragens von Vorzeichnungen an Wände, Decken und Kuppeln von Kirchen und Palästen in der Renaissance. Anschließend erlebten wir im Museum ein 360-Grad-Hörerlebnis, bei dem auf der Leinwand Musik, Kunst und Mathematik miteinander verbunden wurden und ferner das Prinzip des Goldenen Schnitts veranschaulicht wurde. Der Abend endete mit einer lebhaften Rückfahrt im Bus, bei der die italienischen Austauschpartner mit Karaoke für Stimmung sorgten. Ein Tipp an zukünftige Teilnehmende, die eher die Stille bevorzugen: Die letzten Reihen sind die lautesten!

 

Der Sonntag wurde von individuellen Erfahrungen geprägt. Einige nutzten den Tag zum Shoppen, andere trafen Freunde und Familie der italienischen Austauschpartner oder erkundeten die Tropfsteinhöhlen von Frasassi, ein beeindruckendes Naturwunder. Gemeinsames Kochen in den Gastfamilien und ein entspannter Strandspaziergang boten zudem Raum für Gespräche und gegenseitiges Kennenlernen. Auch trafen sich vereinzelte Gruppen, die statt eines entspannten Familienabends lieber den Tag in Restaurants, Go-Kart-Bahnen und Spielhallen ausklingen ließen.

 

Am Montag führte die Reise nach Ascoli Piceno. Dort erhielten wir Jugendlichen an der Universität Camerino einen Einblick in Architektur und Design. Der erste Workshop erläuterte verschiedene 3D-Druckverfahren mit Tonmaterial sowie Lasertechnologie. Im zweiten Teil lernten wir dann Methoden kennen, wie Gebäude renoviert oder erweitert werden können. Eine Stadtführung vermittelte ein tieferes Verständnis für die Kultur dieser historischen Stadt, anschließend ergänzt durch die Verkostung der „Olive all’Ascolana“, einer lokaltypischen Spezialität aus mit Fleisch gefüllten, frittierten Oliven.

 

Der Dienstag begann mit einer Besichtigung der „Tre Ponti“-Mühle, die an diesem Tag dank zahlreicher Einkäufe unserer Ernestiner, die nach der Verkostung von Pizza, Brot und Kuchen auch Mehl und Nudeln kauften, hohe Einnahmen erzielte. Zuvor zeigte uns der Müller (75 Jahre) verschiedene Weizensorten und erklärte, welcher Weizen für Pizza, Pasta und Süßes verwendet wird. Wir haben den gesamten Weg vom Korn zum Mehl erleben dürfen. Zurück in der italienischen Schule fand die offizielle Begrüßung durch die Schulleiterin statt. Bei der darauffolgenden Führung durch die Schule mit Schwerpunkt auf Wissenschaft und Technik beeindruckte uns besonders der praktische Bezug zum Berufsleben. So können sich die Schülerinnen und Schüler an 3D-Druckern und anderer moderner Ausstattung ausprobieren oder in der Werkstatt verschiedene Handwerke erlernen. Anders als im deutschen Schulsystem müssen sich italienische Schülerinnen und Schüler bereits in der 8. Klasse für eine weiterführende berufliche Schule entscheiden. Später stand die Erkundung der Hafenstadt Ancona auf dem Programm, mit der Besichtigung zahlreicher Kirchen und ihrer prunkvollen Kellergewölbe. Mit diesen überwältigenden Eindrücken endete ein weiterer spannender Tag des Italienaustauschs.

 

Am Mittwoch unternahmen wir eine Wanderung auf den Monte Conero, eine landschaftlich faszinierende Region mit atemberaubenden Ausblicken. An klaren Tagen hätte man dort auch über die Adria hinweg Kroatien erblicken können. Das Mittagessen fand am Strand von Porto Nuovo statt, wo trotz der kühlen Wassertemperaturen einige Mutige ihren großen Zeh ins Wasser tauchten oder Steine über das Wasser springen ließen. Zurück bei der Gastfamilie hatten wir eine kurze Verschnaufpause, bevor es weiter zur Abschlussfeier ging. Dafür brachte jede Familie eine selbst zubereitete italienische Spezialität, wie zum Beispiel Tiramisù oder Pizza, mit. Dann wurde gemeinsam gegessen und gelacht sowie zu den neuesten italienischen Hits getanzt.

 

Unser letzter Tag begann mit einer Besichtigung des Klosters „Abbadia di Fiastra“, das seit 2018 keine Mönche mehr beherbergt, sondern als Museum genutzt wird. Die Mönche zogen sich damals zurück, um in Mailand weiterhin ihr Werk zu praktizieren und weiterzuführen. Aufgrund von schlechtem Wetter fiel die anschließend geplante Stadtführung in Civitanova Marche aus, stattdessen bot sich die Gelegenheit zum Einkaufen in einer nahegelegenen Mall. Dort räumten wir Shops wie Bershka, Pandora und Flying Tiger aus und genossen Matcha Latte oder italienisches Eis. Am Abend trafen sich einige Schülerinnen und Schüler noch einmal, um gemeinsam Spiele- oder Grillabende zu veranstalten und sich auf ihre eigene Art zu verabschieden.

 

Dieses Abenteuer neigte sich dem Ende zu. Im Regen verabschiedeten wir uns von unseren Gastfamilien, die uns bereits wie eigene Kinder aufgenommen hatten, und traten die Rückfahrt nach Gotha an. Der Abschied am Freitag fiel schwer. Tränen flossen, als der Bus am Parkplatz der Schule wendete. Während der Fahrt herrschte bedrückende Stille. Die Erlebnisse und Eindrücke dieser Woche mussten erst noch verarbeitet werden. Nach der ersten Pause bei McDonald's verbesserte sich die Stimmung jedoch erheblich. Gegen 22 Uhr wurden wir dann wieder in den Armen unserer Eltern empfangen und konnten ins eigene Bett zurückfallen. Erst wenn man eine Weile weg war, merkt man wieder, dass es zu Hause doch am schönsten ist.

 

Dieser Schüleraustausch zeigte eindrucksvoll, dass Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede zwar anfangs herausfordernd sein können, sie jedoch keine unüberwindbaren Hindernisse darstellen. Vielmehr sind es die gemeinsamen Erlebnisse, die aus Fremden Freunde machen. Der Austausch bildet dabei eine Brücke, die zwei Welten verbindet und zeigt, dass Italien weit mehr ist als Pasta und Pizza. Es sind die Menschen, denen man begegnet, die diese Erfahrung einzigartig machen. Was bleibt, sind die Erinnerungen und neuen Freundschaften, die uns das Leben lang begleiten werden.

 

Leni John, Annika Mühle

 

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letzte Änderung: 01.12.2025